Ich liebe es
in die Tasten
reinzuhauen
und Texte
rauszuhauen ...
30 Jahre später.
Und plötzlich wieder 14.
Es gibt Menschen, die kennen einen aus einer Zeit, in der man selbst noch keine Ahnung hatte, wer man einmal werden würde. 22 davon habe ich gestern getroffen.
Vor ziemlich genau 30 Jahren sind wir gemeinsam in der ersten Klasse Tourismusschule gestartet: HT1: 14,15 Jahre alt. Mit vermutlich fragwürdigen Frisuren, überschaubarer Lebenserfahrung, weniger Falten, und einer Frage, die damals deutlich wichtiger war als jede spätere Berufswahl:
Neben wem sitze ich? (Ein paar der dabei entstandenen Wunden scheinen bis heute nicht vollständig verheilt zu sein, wie sich gestern herausstellte ;-))
30 Jahre später standen wir also wieder dort:
In unserer alten Schule.
Und ziemlich schnell stellte sich heraus:
Wir wissen erstaunlich wenig über unsere Schullaufbahn.
„War das wirklich hier?“; „Was war denn da drinnen?“; „Was, wir hatten Steno?“; „Sicher nicht.“;„Doch!“ „Und wo war das Konferenzzimmer?“;„Da hinten!“;„Nie im Leben.“ ...
23 Menschen, die an dieser Schule maturiert haben, irrten durch die Gänge und versuchten gemeinsam, ein Gebäude zu rekonstruieren, in dem sie fünf Jahre ihres Lebens verbracht hatten. – Besonders erfolgreich waren wir nicht. (Zu unserer Verteidigung muss man aber auch sagen, dass es inzwischen einen großen Umbau gab mit See und Enten und sonstigen Gruselgeschichten ...)
Die alles entscheidende Frage des Abends blieb überhaupt unbeantwortet:
Wo war eigentlich die Bibliothek?
Keiner wusste es. Fünf Jahre Schule. 23 Gedächtnisse. Eine Bibliothek. Weg.
(Ich möchte an dieser Stelle keine voreiligen Schlüsse über unser damaliges Verhältnis zu Büchern ziehen.)
Aber sagen wir so: Wo das Max Pub war, wusste jeder.
Dafür tauchten plötzlich Dinge aus den hintersten Winkeln des kollektiven Gedächtnisses auf, von denen man bis gestern nicht einmal wusste, dass man sie dort noch aufbewahrt hatte.
Das Hammerle-Kammerle! Die Umkleiden der Lernküche! Ristretto & Schlüsselbund. Vor allem Schlüsselbund!
Offenbar funktioniert Erinnerung nach einem ausgeklügelten System:
Bibliothek raus. Schlüsselbund rein.
Auch unseren Klassenpapi hatten wir sofort wieder vor Augen. Der hatte uns nämlich gleich am ersten Schultag wissen lassen, dass er uns eigentlich gar nicht haben wollte. Das wussten noch alle. Manche pädagogischen Botschaften prägen offenbar nachhaltig.
Drei unserer damaligen Lehrpersonen sind übrigens noch immer an der Schule. Sie waren also schon vor uns da und sind jetzt immer noch dort. Gestern auch! Was besonders schön war und was angesichts der Tatsache, dass wir uns gegenseitig immer wieder versichern mussten, dass diese 30 Jahre unmöglich vergangen sein können, durchaus beruhigend war.
Wenigstens irgendwer ist einfach dageblieben.
Die Schule selbst allerdings nicht. Heute verfügt sie beispielsweise über eine Chillout-Terrasse in der ungefähren Dimension eines halben Fußballfeldes. Wir waren empört. Nicht, weil wir der heutigen Jugend nichts gönnen würden. Aber: Wo war die bitte, als wir sie so dringend gebraucht hätten? Gerade an jenen Vormittagen, die auf pädagogisch weniger wertvolle Abende im Max Pub oder in der Skala folgten, hätte eine großzügige Liegefläche unsere schulische Laufbahn möglicherweise entscheidend beeinflusst.
Vielleicht hätten wir dann sogar gewusst, wo die Bibliothek ist. Vielleicht.
Nach der Führung ging es weiter ins Cubo. (Eigentlich hätten wir ja gerne jene Lokale aufgesucht, in denen wir vor knapp 30 Jahren schon zuverlässig versumpft sind. Aber die gibt’s - bis auf eines - alle nicht mehr.) Was schon auch ein bisschen unverschämt ist! Da ist man einmal 25 Jahre nicht da und schon wird zugesperrt ...
Wie auch immer: Natürlich musste vorher auch noch ein neues Klassenfoto gemacht werden.
Möglichst wie damals. Mit derselben Sitzordnung. – Das scheiterte. Natürlich. (Also die Sitzordnung – nicht das Foto)
Wir konnten zwar gemeinsam Schulausflüge nach London, Berlin und Prag rekonstruieren und wussten noch erstaunlich viele Dinge, die wahrscheinlich besser vergessen geblieben wären – aber nicht mehr zuverlässig, wer fünf Jahre lang neben wem gesessen ist.
Prioritäten waren offenbar schon damals unsere Stärke.
Wobei selbst die fünf Jahre nicht bei allen ganz stimmen. Einen unserer Mitschüler hatten wir kollektiv offenbar derart ins Herz geschlossen, dass wir überzeugt waren, er wäre mindestens drei Jahre Teil unserer Klasse gewesen. Dabei war’s gerade mal ein Semester ... Respekt, Philipp. In wenigen Monaten offensichtlich mehr bleibenden Eindruck hinterlassen als die gesamte Bibliothek in fünf Jahren.
Überhaupt ist Erinnerung ein erstaunlich selektives Ding. Manches ist komplett weg. Anderes sitzt, als wäre es gestern gewesen. Lehrer. Pausen. Raucherhof. Abschlussprüfungen. Abende. Geschichten. Der erste Schultag. Ristretto. Schlüsselbund
Und:
Busfahrer Berni.
(Über Busfahrer Berni wird an dieser Stelle aus Gründen der historischen Diskretion nichts weiter berichtet.)
Nur so viel: Wie gut, dass es damals noch keine Smartphones gab. Keine Storys. Keine Videos. Keine Fotos, die Sekunden später in irgendwelchen Gruppen, Feeds oder im Worldwideweb landeten.
Wir hatten das große Glück, unseren Blödsinn noch analog machen zu dürfen.
Was damals passiert ist, blieb damals. Zumindest meistens. Und manches durfte fast 30 Jahre völlig unbehelligt irgendwo zwischen kollektiver Erinnerung und kollektiver Verdrängung vor sich hinschlummern. Bis gestern.
Ein bisschen nachgeholfen haben wir dem Erinnerungsvermögen übrigens mit Tequila. (Nur der guten alten Zeiten wegen, versteht sich)
Wir wollten schließlich wissenschaftlich überprüfen, ob er noch genauso schmeckt wie früher. Tut er. Leider.
Ein Mitschüler äußerte im Laufe des Abends übrigens gewisse Bedenken, namentlich in einem meiner Texte aufzutauchen. Völlig unbegründet.
Namen werden hier schließlich grundsätzlich nicht genannt, keine Sorge Klaus.
Außer Busfahrer Berni.
Und irgendwann, zwischen alten Geschichten, neuen Geschichten, Tequila und der Erkenntnis, dass 25 Jahre offenbar wesentlich schneller vergehen als eine Doppelstunde Rechnungswesen, blieb dann doch noch etwas anderes hängen:
Wir hatten eine richtig lässige Schulzeit.
Nicht jeden Tag. Nicht in jeder Stunde. Und ganz bestimmt nicht bei jeder Schularbeit.
Aber diese fünf Jahre zwischen 14 und 19 haben offenbar mehr hinterlassen, als einem im normalen Alltag bewusst ist.
Vielleicht beschäftigt mich das gerade auch deshalb, weil meine Tochter vor ein paar Wochen selbst in einer höheren Schule gestartet ist.
Neue Klasse. Neue Lehrer. Neue Menschen. Neue Geschichten.
Für sie ist das gerade einfach Schule. So wie es für uns damals einfach Schule war.
Keiner von uns saß mit 14 im Klassenzimmer und dachte: Genieß das.
Daran wirst du dich in 30 Jahren noch erinnern.
– Gott sei Dank.
Wir waren viel zu beschäftigt mit wichtigeren Dingen. Banknachbarn. Ausgehen. Schulausflügen. Freundschaften. Irgendwelchen Dramen, die garantiert weltbewegend waren und an die sich heute kein Mensch mehr erinnert.
Und wahrscheinlich ist das auch gut so. Denn während ich meiner Tochter gerade dabei zuschaue, wie sie in diese Jahre hineinstartet, bin ich gestern für ein paar Stunden noch einmal zurückgereist.
Und ich kann ihr eigentlich nur wünschen, dass sie irgendwann genauso gerne zurückschaut.
Dass sie Menschen wiedersieht, die sie vielleicht jahrzehntelang nicht gesehen hat – und nach fünf Minuten trotzdem wieder weiß, warum sie sie einmal so gern hatte.
Dass Geschichten auftauchen, von denen sie längst vergessen hatte, dass es sie gibt.
Dass sie über Dinge Tränen lacht, die 30 Jahre später noch immer kein Außenstehender versteht.
Und dass sie irgendwann durch ihre alte Schule läuft und keine Ahnung mehr hat, wo die Bibliothek war.
Nur einen entscheidenden Nachteil hat ihre Generation:
Sie hat Smartphones. Wir hatten Busfahrer Berni.
Und während unsere Kinder heute jeden Blödsinn digital dokumentieren, konnten unsere Geschichten fast 30 Jahre unbehelligt vor sich hinschlummern.
Bis gestern.