Ich liebe es
in die Tasten
reinzuhauen
und Texte
rauszuhauen ...
Das trägt man jetzt so!
Von der ergonomischen Schultasche zum topmodischen Haltungsschaden
Ach damals ...,
bei der Einschulung der Kids. Da waren wir halt noch verantwortungsbewusste Eltern ...
Da wurde nicht einfach irgendeine Schultasche gekauft.
Höhenverstellbar musste sie sein, ergonomisch und rückenschonend.
Leicht. Gepolstert. Mit Brustgurt, Hüftgurt und TÜV-geprüfter Lastenverteilung.
Das Kind hat schließlich nur einen Rücken ...
Jetzt, ein paar Jahre später ist dieser Rücken offenbar nicht mehr so wichtig (oder die Argumente der Kinder schwerwiegender) – Jetzt werden Hefte, Bücher, Jausenboxen und das restliche schulische Überlebensequipment in eine Tasche gestopft, deren Henkel ungefähr so lang ist wie mein Geduldsfaden beim morgendlichen In-die-Gänge-Kommen.
Ergonomisch betrachtet eine Katastrophe. Modisch betrachtet alternativlos.
Aber Hauptsache, wir haben damals hunderte Euro für eine Schultasche ausgegeben, die das Gewicht optimal auf beide Schultern verteilt hat ...
Oma war einfach zu früh dran
Hätte meine Oma mir früher einen Zopfpulli gestrickt, hätte ich vermutlich behauptet, allergisch gegen Wolle, Zöpfe und Großmütter zu sein.
Heute braucht so ein Pullover nur ein kleines Pferdchen auf der Brust – und plötzlich ist das Zopfmuster nicht mehr Oma-Style sondern ein Must-have.
Der Unterschied zwischen „Das zieh ich sicher nicht an!“ und „Den brauch ich unbedingt!“ beträgt also offenbar nur ein kleines Logo und ungefähr 180 Euro.
Und dann wären da noch diese Hausschuhe: Jahrzehntelang zuverlässiges Erkennungszeichen von Öko-Menschen, die Wert auf ein anatomisch geformtes Fußbett legten und denen ziemlich egal war, was andere davon hielten ... Heute: cool!
Nun ja, zumindest haben die Füße jetzt etwas von der Ergonomie, die wir dem Rücken inzwischen wieder genommen haben.
Von sehr wenig bis sehr viel Hose
Überhaupt hat Mode ein erstaunlich entspanntes Verhältnis zu Stoffmengen.
Mal endet die Jeanshose ungefähr dort, wo sie meiner Meinung nach erst anfangen sollte.
Dann wiederum schlurft so viel Stoff über den Boden, dass man damit problemlos auch das Stiegenhaus wischen könnte. Und irgendwo dazwischen kämpfen Poloshirts, Bauch-frei-Tops und Bodys um die Vormachtstellung.
Langsam beginne ich zu verstehen: Es gibt gar keine unmodischen Kleidungsstücke. Es gibt nur Kleidungsstücke, deren Zeit noch nicht wiedergekommen, oder schon wieder vorbei ist.
Was man halt so braucht
In der Jugend gibt es erstaunlich viele Dinge, ohne die ein menschenwürdiges Leben praktisch nicht möglich ist.
Diese eine Tasche.
Diese bestimmten Schuhe.
Dieses eine Paar Socken.
Dieser Pulli.
Diese Hose, die genauso aussieht wie die anderen, aber selbstverständlich GANZ anders ist.
Für uns Erwachsene sind die Unterschiede teilweise nur unterm Mikroskop erkennbar.
Doch für die Jungen entscheiden sie ganz offensichtlich über die gesellschaftliche Teilhabe.
Und natürlich könnte man jetzt sagen: Muss das sein? Muss man jeden Trend mitmachen? Muss wirklich jeder dasselbe haben? ...
Ja, das könnte man. Wenn wir nicht selbst auch irgendwann einmal jung gewesen wären ...
Wir waren da natürlich ganz anders.
Natürlich ;-)
Auch wir hatten Dinge, die wir UNBEDINGT brauchten.
Turnschuhe, bei denen unsere Eltern keinen Unterschied zu den 30 Euro günstigeren Turnschuhen erkennen konnten. (Gut, damals waren's vielleicht noch Schilling)
Jeans, die exakt so sitzen mussten, dass unsere Mütter fragten, warum wir dann überhaupt eine anziehen.
Jacken, Plateau-Schuhe, Band-T-Shirts, Frisuren ...
Und wehe, unsere Eltern schlugen eine preiswerte Alternative vor: Das ist NICHT dasselbe!
Ein Satz, der seit Generationen zuverlässig dafür sorgt, dass Eltern kurz überlegen, ob man Kinder nicht vielleicht doch irgendwo zurückgeben kann.
Der Wunsch dazuzugehören ist also nicht neu. Nur die Uniform wechselt.
Alles kommt zurück
Und deshalb sollten wir vermutlich nicht allzu laut darüber lachen (oder weinen, oder beides):
Zopfpullover. Tennissocken. Weite Hosen. Gesundheitslatschen. Baseball-Caps.
Alles kommt irgendwann zurück ...
Vielleicht sollten wir ja überhaupt aufhören, alte Kleidung zu entsorgen.
Das Zeugs kommt sicher irgendwann wieder in Mode.
Ich jedenfalls warte auf den Moment, an dem die ergonomische Schultasche wieder angesagt ist.
Hab‘ sie sicherheitshalber mal aufgehoben. (War ja schließlich teuer genug)