Ich liebe es
in die Tasten
reinzuhauen
und Texte
rauszuhauen ...
Zwischen Zitronenwasser & Selbstzweifel:
Der tägliche Versuch, alles richtig falsch zu machen
Longevity, Lifestyle und Selbstoptimierung – das ist dieses moderne Märchen, in dem wir alle gleichzeitig 28 Jahre alt, hormonell ausgeglichen, darmgesund, strahlend, muskulös, tiefentspannt, hochproduktiv und dabei innerlich komplett erleuchtet sind ... Und das am besten noch bevor der erste Smoothie warm geworden ist.
Wer länger als fünf Minuten durch Social Media scrollt, merkt schnell: Die Welt ist erstaunlich einfach geworden. Zumindest theoretisch. Praktisch ist sie ein einziger biochemischer Krimi mit wechselnden Hauptverdächtigen:
Beginnen wir mit dem Klassiker – Zitronenwasser. Der ultimative Detox-Start in den Tag. Spült angeblich alles raus – vor allem auch den Zahnschmelz. Aber hey, Schönheit kommt von innen (oder zur Not halt vom Zahnarzt).
Dann Proteine. Die sind wie dieser eine Freundeskreis, der dir immer wichtig ist, aber nie ganz klar ist, warum eigentlich oder warum gerade jetzt. Mal sind sie für den Muskelaufbau zuständig, mal für die hormonelle Balance, dann wieder für die mentale Klarheit und irgendwann auch für den Weltfrieden. Sicher ist nur: Zu wenig ist nicht gut, zu viel vermutlich auch nicht, außer du bist gerade in einer ganz bestimmten Lebensphase, in der plötzlich alles „Menopause-friendly“ sein soll ...
Und dann noch das Vitamin D – das absolute „Drama-Girl“ unter den Vitaminen. Im Winter zu wenig – schlecht. Im Sommer zu viel – schlecht. Im Zweifelsfall: ab in die Sonne aber halt nur so lang dein Hautarzt nicht zum Lebensabschnittspartner wird. Oder du ergänzt es optional durch Nahrungsergänzungsmittel, die du brauchst, um die Nahrungsergänzungsmittel auszugleichen, die du vorher genommen hast.
Weiter geht’s mit der Ernährung: Kein gepökeltes Fleisch, weil entzündungsfördernd. Keine Sojabohnen, weil Hormone. Keine Kohlenhydrate nach 18 Uhr, keine Fette vor 10 Uhr, und vor allem auch keine Freude zwischen den Mahlzeiten, denn auch Emotionen könnten deinen Blutzuckerspiegel beeinflussen.
Am besten isst man also offenbar nur noch Lebensmittel,
die entweder nicht schmecken oder nicht existieren.
Und natürlich ist auch Bewegung ein Thema. 10.000 Schritte täglich, aber bitte in Zone 2, außer du trainierst high intensity (HIIT), dann aber nicht zu oft wegen Cortisol. Yoga ist gut, außer du machst es zu wettbewerbsorientiert, dann ist es wieder schlecht für dein Nervensystem. Und wenn du gar nichts machst, ist das auch schlecht – außer du praktizierst bewusstes Nichtstun, dann aber hoffentlich nur mit Achtsamkeitstagebuch.
Schlaf ist das neue Statussymbol. Acht Stunden Minimum, besser neun, aber nur wenn sie auch korrekt getrackt sind, in einem Raum ohne WLAN, ohne Licht, ohne Gedanken und am besten auch ohne Schlafstörungen. Wer dabei schnarcht, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit ein ungelöstes Kindheitstrauma.
Und während wir all das optimieren, biohacken oder neu dosieren, sitzt irgendwo ein Mensch und lebt einfach: Isst Weißbrot, trinkt ab und zu ein Gläschen Wein, geht spazieren, schläft manchmal gut, manchmal schlecht. Aber: er vergleicht sich nicht permanent und vor allem - macht er sich nicht verrückt damit.
Könnte man ja mal probieren oder wir machen’s einfach wie Dornröschen. Legen uns in den gläsernen Sarg und schlafen. Mit der einzigen Hoffnung, dass irgendwann ein Prinz vorbeireitet und uns wachküsst ...
Und wenn wir nicht gestorben sind, dann leben wir noch heute.
(Die ganz Mutigen vielleicht sogar mit Gluten.)





